Seit zwei Jahren NEU: United Artists unter der Ägide von Tom Cruise


Groß angekündigt wurde vor zwei Jahren die Wiederauferstehung einer Legende. Die 1919 von Filmemacher für Filmemacher gegründete Verleihfirma United Artists (UA) sollte aus ihrem Dornrösschenschlaf erweckt werden. Tom Cruise erhielt die Rolle des Prinzen. Unterstützung erhielt der Schauspieler dabei von seiner langjährigen Agentin und Produzentin Paula Wagner.

Von Metro-Goldwyn-Mayer (MGM), in deren Besitz die Filmfirma seit 1981 ist, erhielten beide 35 Prozent der Firmenanteile. Die gemeinsame Filmproduktionsfirma Cruise/Wagner war an Vier-Quadranten-Filmen wie der Mission: Impossible-Reihe (1996-2006) und dem Remakes „Vanilla Sky“ und „Krieg der Welten“ beteiligt. Doch erhielt der 170 Zentimeter-Darsteller nur einen Credit als Produzent, dümpelte die Produktionsfirma vor sich hin. Wer erinnert sich noch an „Suspect Zero“ (2004) oder „Ask the Dust“ (2006)?

Kein Wunder dass die jahrelange Freundschaft Geschäftsbeziehung zwischen Cruise und Paramount Pictures jäh endete. (Der zugkräftige Star wurde in der gemeinsamen Zeit fürstlich bezahlt. Allein die finanzielle Beteiligung für den von Brian DePalma gedrehten ersten Ethan Hunt-Film belief sich auf 70 Millionen US-Dollar. Wenn ich in der Haut von Viacom-Eigner Sumner Redstone – deren Tochterunternehmen die Paramount Pictures ist – stecken würde, hätte sich Cruise schon viel früher ein neues Zuhause suchen dürfen. Aber „Content is King“ war und ist Redstones Lieblingsausspruch.)

Nun suchte Cruise ein neues Domizil. Dass er unter das Dach der MGM zog war eine große Überraschung. Denn nachdem die traditionsreiche Filmfirma im Jahr 2005 seine Eigenständigkeit aufgab, seinen damaligen Besitzer Kirk Kerkorian zum wiederholten Male durch den Verkauf des Filmstudios an ein von Sony Pictures Entertainment geführtes Konsortium reicher machte, schien die Zeit von Leo, dem Löwen endgültig abgelaufen zu sein. Als einzigen Grund für den 4,8 Milliarden Dollar teuren Kauf, war nur der Druck Blu-ray-Player zu verkaufen. Und die große MGM-UA-Orion Pictures-Cannon-PolyGram-Hemdale-Filmbibliothek, war ein sehr gutes Druckmittel gegen den Konkurrenten Toshiba und die diesen unterstützenden Filmstudios, welches die Sony Corporation über ihre Filmdepandence dann ein auch einlösen könnte. (Zeitsprung: Blu-ray setzte sich gegen HD-DVD durch und Sony blieb eine Schmach wie in den 1980er Jahren mit Betamax erspart.)

Wären die restlichen Eigentümer nicht gegen Sony Pictures aufmüpfig geworden, MGM wäre trotz seiner historischen Bedeutung für die Filmindustrie zum reinen Verwalter seiner Filmbibliothek und aus dieser Vorlagengeber für Neuverfilmungen, Fortsetzungen oder Reboots verkommen. (Nur am Rande wird hier jetzt erwähnt, dass sich der Großteil aus Filmen der United Artists ergibt. Über die Idiotie eines Kirk Kerkorian ein anderes Mal mehr …)

Comcast, DLJ Merchant Banking Partners, Quadrangle Group, Providence Equity Partners und TPG, aber auch die Sony Corporation (wohl eher widerwillig) unterstützten den neuen Chef Harry E. Sloan dabei, den Kinofilmverleih in den USA von Grund auf aus dem Boden zustampfen. Außerdem stimmten die Eigner dafür, Sony Home Entertainment die Auswertungsrechte an der MGM-Bibliothek zu entziehen und nutzten lieber die weltweiten Vertriebsressourcen der News Corp.-Tochter 20th Century Fox (außerhalb Nordamerikas auch für den Kinovertrieb) und investierten in eigene Filme. Bei den meisten Filmen handelte es sich aber nur um die Verwertungsrechte und nicht um die wichtigeren, weil langfristiger zu nutzenden Urheberrechte. Der Gedanke dabei war: Eine Filmbibliothek benötigt frischen Nachschub. Ansonsten wird diese immer weniger Wert besitzen.

Da passt es ganz gut, dass Tom Cruise als einer der Kassenmagneten der letzten beiden Jahrzehnte sein eigner Chef werden wollte und nicht im Sammelbecken eines riesigen Medienkonzerns untergehen möchte. Eigenes Geld brachte der Schauspieler nicht mit, dafür seinen guten Namen und den Willen jährlich vier Filme für die United Artists zu produzieren. Diese sollten künstlerischen Anspruch, aber auch wirtschaftlich erfolgreich sein. Als erstes Projekt wurde „Von Löwen und Lämmern“ angekündigt. Auf dem Papier machte sich der Film auch sehr gut: Mit Studiomitbesitzer Cruise, Robert Redford und Meryl Streep ausgezeichnet besetzt, unternahmen die Filmemacher einen Versuch drei parallele Handlungsstränge während des US-Einsatzes in Afghanistan und Rückblenden unter einen Hut zu bekommen. Das Budget war mit 35 Millionen Euro Produktionskosten sehr gering. Warum? Weil die Schauspieler auf ihre üblichen Gagen verzichteten, dafür aber am Einspielergebnis beteiligt wurden. Aufgrund des politischen Themas wurden dem Film auch Chancen bei der Oscar-Verleihung im Februar diesen Jahres zugesprochen.

Doch alle Erwartungen gingen nicht in Erfüllung. Das weltweite Kinoeinspielergebnis belief sich auf 63 Millionen Euro. Doch neben den reinen Produktionskosten müssen die nicht näher zu spezifizierenden Marketingkosten gerechnet werden. Außerdem teilen sich Kinoverleih und Kinobesitzer den Eintrittspreis rund 50:50. Das „Von Löwen und Lämmern“ nach dem ersten Auswertungsfenster noch in den roten Zahlen steckt, kann nicht wegdisktutiert werden. Die NYTimes geht von einem Gesamtverlust in Höhe von bis zu 50 Millionen Dollar aus. Diese Zahl halte ich vor übertrieben: „Von Löwen und Lämmern“ war eine wirtschaftliche Enttäuschung, doch sollten die gesamte Auswertungskette (Kino, Home Entertainment, Pay-TV, Pay-Per-View, Free-TV) über mehrere Jahre betrachtet werden.

Außer acht gelassen wird, dass es sich beim Gut Film um eine Mischkalkulation handelt. Die erfolgreichen Filme tragen die Verlustbringer mit. „Abgerechnet wird zum Schluss“ hieß dann auch nicht ohne Grund die Biographie des Filmproduzenten Robert Evans.

Das der Start der „neuen“ United Artists hätte besser laufen sollen, steht nicht zur Diskussion. Doch erinnert man sich an den ersten Kinofilm aus Steven Spielbergs eigenem Filmstudio Dreamworks SGK, „The Peacemaker“ (1997), wirkt die Enttäuschung nicht so stark. Denn immerhin war zum Zeitpunkt „Walküre“ für den diesjährigen Sommer angekündigt: Tom Cruise als Hitler-Attentäter Stauffenberg. Und dann noch unter der Regie von Bryan Singer und in einem Drehbuch von Christopher McQuarrie. Beide arbeiteten beim grandiosen „Die üblichen Verdächtigten“ (1996) zusammen und vor allem Singer war mit den beiden ersten „X-Men“-Filmen (2000, 2003) und der versuchten filmischen Wiederauferstehung eines Metropolis-Bewohners in „Superman Returns“ (2006) ein Garant für volle Kinosäle.

Doch die mehrfachen Verschiebungen des Kinostarts lassen kein gutes Licht auf den Film scheinen. Der Ritt auf der Walküre wurde schon Tod geschrieben. Kürzlich fiel erstmals wieder ein positives Wort über die rund 80 bis 100 Millionen Dollar teure Filmproduktion. (Das Budget wurde durch 4,8 Millionen Euro aus dem Deutschen Filmfonds unterstützt.) Doch bis zum nächsten Februar wird keine weitere United Artists-Produktion in die Kinos kommen, weshalb von einem schlechten Startsignal zu Recht gesprochen werden kann. Dass der als dritte UA-Produktion angekündigte „Pinkville“ von Oliver Stone auf dem Regiesessel und Bruce Willis während der Pre-Productions-Zeit abgeblasen wurde spricht ebenfalls nicht für ein gutes Händchen von Cruise und Wagner.

Doch was kann das Publikum von der MGM-Tochter zukünftig erwarten? Geplant waren vier Filme jährlich, dabei sollten die Kreativen stärker am wirtschaftlichen Erfolg ihrer Werke beteiligt werden und auch das kreative Mitspracherecht wäre größer als bei den anderen Hollywood-Firmen. Dies halte ich für Unsinn. Nur weil man sich auf die Gründungsriege der United Artists und deren Beweggründe für die Entstehung der damals einzig als Verleihunternehmens gegründeten Firma bezieht, werden wirtschaftliche Zwänge nicht außer Kraft gesetzt. Die Historie passt einfach gut ins Bild. Außerdem wird United Artists im nächsten Jahr 90 Jahre alt und unzählige Filme erscheinen weltweit in Geburtstags-Sammler-Ausgaben auf DVD. Das der Großteil der UA-Filme in MGMs-Filmbibliothek schon x-fach in unterschiedlichen Ausgaben veröffentlicht wurden, ist nur eine Randnotiz und wird im Geburtstagsmarketingtrubel sicherlich untergehen.

Positiv kann Cruise und Wagner angerechtet werden, dass sie einerseits eine 500 Millionen Kreditlinie zur Verfügung haben, United Artists personell aufstockten und mehrere Filmprojekte einkauften. Folgende Filme könnten bald die Kinoleinwand erblicken:

  • UA hält eine Option auf das Sachbuch „Birthday Party“ von Stanley Alpert.
  • Die weibliche Hauptrolle soll Jessica Biel im Krimi/Thriller „Die a Little“ übernehmen. Mit ihrer Filmproduktionsfirma ist sie außerdem auch an der Entstehung der Romanverfilmung beteiligt.
  • Großartig war die Ankündigung, dass Guillermo del Toro für United Artists die britische Science-Fiction-Fernsehserie „Champions“ als Produzent, Drehbuchautor und Regisseur betreuen wird. Vermutlich wird die Verfilmung von „Der Hobbit“ aber im Weg stehen.
  • Steven Zaillian wurde als Produzent eines Remakes des spanischen Films „Los Cronocrimenes“ angekündigt.
  • Mit der Produktionsfirma Hwy61 (Paul Haggis und Michael Nozik) wurde ein nichtexklusiver Produktionsvertrag abgeschlossen. Zwei Verfilmungen sind bisher angekündigt: „Ranger´s Apprentice“ und „An Ordinary Spy“
  • United Artists plant ein Remake von „Teen Witch“ (1989) mit Ashley Tisdale in der Hauptrolle.
  • UA lehnte „Star Wars“ in den 1970er Jahren ab. Jetzt planen die Filmfirma eine Science-Fiction-Trilogie mit Ronald D. Moore, dem Verantwortlichen für die Fernsehaktualisierung von „Battlestar Galactica“.
  • Als Franchise-Film wurde ein Spionageprojekt des Regisseurs Martin Camphell angekündigt. Die Hauptrolle soll Cruise übernehmen.
  • „Move“ ist der Arbeitstitel eines Tanzprojekts. In der Branchenpresse wurde wiederholt auf United Artists Musical-Vergangenheit mit „West Side Story“ angespielt.

Wer weiß, was für Filmrechte an Romanen oder Originalgeschichten noch aus der Vergangenheit in United Artists Büros liegen. Die angekündigten Projekte machen neugierig, doch bis die Filmfirma einen regelmäßigen Output schafft werden noch einige Jahre vergehen. Ob sowohl Cruise und Wagner, als auch MGMs Besitzer einen langen Atem haben? Wünschenswert wäre es.

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10 Antworten to “Seit zwei Jahren NEU: United Artists unter der Ägide von Tom Cruise”

  1. Ich habe “Walküre” mit Tom Cruise noch nicht gesehen oder Warum deutsche Feuilletonisten einen Film Tod schreiben? « Medien-Monopoly Says:

    […] Medien-Monopoly « Seit zwei Jahren NEU: United Artists unter der Ägide von Tom Cruise […]

  2. Warum MGM-Chef Harry E. Sloan nicht in Louis B. Mayers Fußstapfen schlüpfen kann « Medien-Monopoly Says:

    […] zwischen von der Sony Corporation geführten Konsortium und dem Time Warner-Konzern erzielt. Der wertvollste Besitz des Unternehmens war die riesige Filmbibliothek. Sony sicherte sich das Unternehmen und setzte sich im Kampf der beiden DVD-Weiterentwicklungen […]

  3. Trotz 500 Millionen Dollar-Kreditlinie: United Artists ist in der eigenen Starre gefangen « Medien-Monopoly Says:

    […] Cruise und Wagner das Zepter übernommen haben, ist erst ein Film veröffentlicht worden: “Von Löwen und Lämmern” (2007). Die zweite Produktion “Valkyrie” (deutscher Titel […]

  4. Geplatzte Träume! Tom Cruise und Paula Wagner entfernen sich von United Artists « Medien-Monopoly Says:

    […] Sie wird als Produzentin weiterhin für das Unternehmen tätig sein und bestimmte Projekte – beispielsweise die Adaption der britischen TV-Serie „Champions“ – […]

  5. Tom Cruise läuft nicht über den roten Berlinale-Teppich « Medien-Monopoly Says:

    […] Das diese Berichte falsche Behauptungen aufstellen, schrieb ich schon vorher. Denn nachdem der US-Verleih Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) von “Valkyrie” – wie der Bryan Singer-Streifen im Original heißt – den Starttermin zum dritten Mal verschob, fragte ich bei 20th Century Fox of Germany an, ob auch der deutsche Kinostart verschoben wird. Der zu Rupert Murdochs News Corporation gehörende Filmverleih kümmert sich um die außeramerikanische Kino- und DVD-Auswertung der MGM- und United Artists-Filme. […]

  6. Copy and Past - Die Pressearbeit von 20th Century Fox funktioniert - leider « Medien-Monopoly Says:

    […] – leider By medienmonopoly Am 22. Januar ist es soweit. Die zweite Produktion der “neugegründeten” Filmfirma United Artists startet in den deutschen Kinos. Natürlich wird und wurde der Film […]

  7. Blog-Einnahmen im Februar 2009 « Medien-Monopoly Says:

    […] Seit zwei Jahren NEU: United Artists unter der Ägide von Tom Cruise […]

  8. Blog-Einnahmen im März 2009 « Medien-Monopoly Says:

    […] Seit zwei Jahren NEU: United Artists unter der Ägide von Tom Cruise […]

  9. Steven Bach ist tot « Medien-Monopoly Says:

    […] 1919 gegründete Filmgesellschaft ist seitdem nur noch ein Schatten ihrer selbst und kann auch nach dem Einstieg des Schauspielers Tom Cruise in die Filmfirma nicht an alte Erfolge […]

  10. Blog-Einnahmen im April 2009 « Medien-Monopoly Says:

    […] Seit zwei Jahren NEU: United Artists unter der Ägide von Tom Cruise […]

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