Ich habe „Walküre“ mit Tom Cruise noch nicht gesehen oder Warum deutsche Feuilletonisten einen Film Tod schreiben?


Selten haben sich Journalisten in den letzten Jahren so stark mit einem einzigen Film auseinander gesetzt, bevor ein einziger Filmprojektor diesen auf die Leinwand warf. Die Rede ist von „Walküre“ (2009). Regisseur ist Bryan Singer und Tom Cruise spielt nicht nur die Hauptrolle, sondern produzierte den Film über das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler mit. Bemerkenswert: Cruise gab als Mitbesitzer des produzierenden Filmstudios United Artists (UA) das Greenlight für den Film.

Doch warum konzentrieren sich soviele Journalisten in ihren Betrachtungen auf einen noch unfertigen Film? Zum einen ist die historische Brisanz zu nennen. Vor allem im deutschen Blätterwald wurde viel über Cruise als Claus Schenk Graf von Stauffenberg geschrieben. „Wie kann es sein, dass ein bekennender Scientologe die Rolle eines Widerstandskämpfers übernimmt?“ war die vorherrschende Frage. Nicht nur mit den Mitteln des Wortes wurden das Für und Wider dargelegt. Vor allem das Wider fand gehör.

Interessant für die Berichterstatter waren dann auch die in Deutschland stattfindenden Dreharbeiten. Nicht nur das private Auftreten des Hollywood-Schauspielers mit seinem familären Tross schaffte es auf die Titelseiten. Auch den 2006 ins Leben gerufene Deutsche Filmfond unterstützte das zwischen 80 und 100 Millionen Dollar teure Werk und zeugte vom gestiegenen Interesse in deutschen Filmateliers zu drehen. (Kritisch nachfragen könnte man beispielsweise, ob „Valkyrie“ – wie der Streifen im Original heißt – auch ohne die finanzielle Unterstützung, welcher als Rabatt zu werten ist, ebenfalls gedreht worden wäre.)

Besonders interessant war dann aber die Auseinandersetzung mit dem Drehbuch. Schon vor einem Jahr beschäftigte sich Tobias Kniebe in der Süddeutschen Zeitung mit dem Script und sprach davon, dass der Film „Vielleicht sogar ein Meisterwerk“ sein könnte. Datiert ist das Drehbuch auf den 8. Januar 2007 und Kniebe gibt zu, dass es sich aus dem Drehbuch nicht zwangsläufig auf den fertigen Film schließen lässt.

Ürsprünglich sollte der Film am 27. Juni diesen Jahres in die US-amerikanischen Kinos kommen sollte. Damit wäre die zweite Produktion der „neuen“ United Artists zu Beginn der umsatzstarken 4. Juli-Ferien in den USA in die Kino gekommen. Doch erst wurde der Filmstart vom Verleih Metro-Goldwyn-Mayer (MGM) zum 2. Oktober 2008 verschoben, dann nocheinmal auf den 13. Februar 2009. In Deutschland kündigt 20th Century Fox (vertreibt die MGM- und UA-Filme außerhalb Nordamerikas in den Kino und im Home Entertainment-Bereich; einzige bekannte Ausnahme ist Italien: Dort erwarb Rai Cinema die Verwertungsrechte) den Kinostart für den 5. Februar 2009. An diesem Tag startet auch die nächste Berlinale.

Ein zweifach neu termierter Film lässt beim Beobachter Sorgenfalten entstehen. Von miserablen Ergebnissen bei Testvorführungen war die Rede, auch drehte Regisseur Singer in diesem Frühjahr noch eine aufwendige Actionszene. Ob diese Dreharbeiten als ungeplante, aber notwendige Verbesserungsmöglichkeit oder von vorn herein beschlossen waren, bleibt umstritten.

Die imaginäre Aktie des Films beim Spiel Hollywood Stock Exchange (HSX) verlor durch beide Startverschiebungen an Wert. Vom Höchststand im Herbst letzten Jahres mit 95 H$ ist heute deutlich entfernt und kostet heute 52 H$. (Der Preis gibt an, welches Einspielergebnis die HSX-Spieler in den ersten vier Wochen nach Filmstart in den nordamerikanischen Kinos haben.)

Hier nocheinmal zusammengefasst, wie der Film in internationalen und deutschen Medien – hauptsächlich – wahrgenommen wurde:

  1. Cruise ist sowohl als Darsteller, vor allem aber als Scientologe eine Fehlbesetzung in der Rolle des Widerstandskämpfers.
  2. Die zweimalige Startverschiebung spricht nicht für einen spannenden Thriller, dem Blockbusterqualitäten zugesprochen werden können. Auch traut man dem Film keine Bedeutung bei Filmpreisverleihungen zu.

Und jetzt kommt Alan Posener am 1. August mit seinem Artikel „Dieser Tom Cruise ist nicht zu retten“ und schlägt wie viele andere Kommentatoren vor ihm in die gleiche Kerbe. Wie mag nun dieser Artikel entstanden sein? Ungefähr so wäre es vorstellbar:

In diesem Sommer ist in der Bundeshauptstadt Berlin nichts zu spüren von der selbstauferlegten internationalen Bedeutung. „Be Berlin“ ist einfach langweilig. Nicht mal aufregen kann man sich über etwas. Doch dann erinnert sich die Berliner Schnauze an das Ereignis des letzten Jahres: Tom Cruise dreht den Film „Walküre“. Straßen werden gesperrt, Statisten laufen in Wehrmachtsuniformen durch die Stadt – einige fallen auch vom fahrenden Laster – und die Stadt steht wegen einer Drehverweigerung im weltweiten Rampenlicht.
Im Sommer 2008 kann Berlin nicht mit solch einer Attraktion aufwarten. Also präsentieren wir dem Leser noch einmal das letztjährige Sommermärchen. Jetzt aber reflektiert!

Doch wie mag ein Journalist über einen Kinofilm schreiben können, wenn noch keine offizielle Pressevorführung angesetzt wurde, auch in Filmtauschbörsen nichts zu finden ist und die eigenen Kontakte nicht ausreichen, um neben John Ottman am Schneidetisch Platz nehmen:

  • Man schaue sich den Original-Trailer an. „Mittlerweile kann man in den von seiner Firma United Artists veröffentlichten Trailern sehen und hören, …“ beschreibt Posener dann auch seine Methode aus wenigen Szenen auf den gesamten Film, besonders aber auf die Schauspielkünste von Tom Cruise zu schließen.
  • Man besorge sich das Drehbuch, vergleicht das beim Lesen entstandene Bild über Stauffenberg mit dem eigenen historischen Wissen über die am Hitler-Attentat beteiligten und meckert über dumme Szenen („Albern ist auch jene Szene, in der Stauffenberg mit einem Mitverschwörer Kontakt aufnimmt, indem er sein Glasauge in dessen Whisky tut“) und das nicht wissenschaftlich korrekte Sachbuch Drehbuch.
  • Man spricht ja Deutsch und kann somit die deutschen Beteiligten befragen. Fangen wir mit einer Schauspielagentin an, reden wir dann mit Darsteller Thomas Kretschmann und befragen noch Anonymus zu den Chancen des Films, die nächste Berlinale feierlich zu eröffnen und geben einem Änsgtlichen die Möglichkeit ebenfalls ohne Namen in der Zeitung aufzutauchen und Cruise auf die Stufe mit einem deutschen Fernsehschauspieler zu stellen.
  • Als wichtigste Quelle muss aber die bisherige Berichterstattung – auch in der Schwesterblatt „Die Welt“ – herhalten. Denn weil nicht alle Leser jeden Tag das deutsche Feuilleton und amerikanischen Branchenblätter lesen, können wir Altbekanntes wiederholen. Der Leser ist ja vergesslich.

„Ist er nicht!“ muss man dem Meinungsführer der „Welt am Sonntag“ entgegen. (Und die Onlinerecherche beherrscht er auch und stösst dabei auch auf Versuche, der negativen Presse positive Meldungen entgegen zu stellen.)

Seitdem Filmstart von „Von Löwen und Lämmern“ ist der Kinotrailer schon zusehen. Das von Posener als mangelhaft bewertete Drebuch ist seit über einem Jahr Quelle unzähliger Berichte. Selbst die Backnanger Kreiszeitung veröffentlichten eine dpa-Meldung zur Startverschiebungen. Auch die Informationen, dass sich einige deutsche Akteure weigern oder vertraglich dazu verpflichtet sind, nicht über die Produktion unterhalten möchten, kann auf einen schlechten Film hindeuten. Muss es aber nicht. Auch mit der Spekulation, dass der Ritt auf der „Walküre“ die Berlinale eröffnen wird, kann im feuilletonistischen Sommerloch aufgehört werden. Denn ein „Die Welt“-Kollege schrieb über das Gerücht schon im Frühjahr darüber.

Die Krone des ganzen Artikels ist aber der gespannte Rahmen. Posener erinnert sich an einen seiner wenigen weiteren Beiträge zum Thema Film, und sieht Regisseur Singer in der Rolle des von Woody Allen gespielten Autorenfilmers in „Hollywood Ending“, der einen teuren Film drehen darf, aber vor Aufregung erblindet. Trotzdem schafft es der Film in die Kinos. Aber nur französische Cineasten erkennen darin ein Meisterwerk. Diesen Status – und nur diesen – traut Posener dem Hollywood-Film zu.

Ein bißchen wenig, was argumentativ dafür spricht. Vor allem weil die Argumente mit STRG+C zusammengetragen wurden. Den Wert der Neuigkeit lässt sein Beitrag zur „Walküre“-Diskussion vermissen. Unterschlagen wird die weltweite Bekanntheit des Hauptdarstellers. Cruise ist noch immer ein Kassenmagnet. Außerdem durfte Regisseur Singer nach dem Kritiker-Erfolg „Die üblichen Verdächtigen“ beweisen, dass er mit kommerziellen Werken überaus erfolgreich ist. In der New York Times relativerte Bryan Singer dann auch Spekulationen über Filme: „Speculation is part of the excitement of the movie business“ und schob für sein neuestes Werk hinterher: „People will be surprised. It isn’t going to be what people expect.“

Selbst schlechte Presse vor einem Kinostart , ist kein zwangsläufiges Kriterium dafür, dass ein Film an der Kasse scheitern muss. „Titanic“ (1997) wurde zum Kassenschlager und selbst die aus allen Fugen geratene Produktion zu „Waterworld“ (1995) sorgte in der Endabrechnung für ein Ausgeglichenes Ergebnis. Somit bleibt dem „Welt am Sonntag“-Kommentar-Chef eigentlich nur noch das Eingeständnis: „Dieser Alan Posener ist nicht zu retten.“

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9 Antworten to “Ich habe „Walküre“ mit Tom Cruise noch nicht gesehen oder Warum deutsche Feuilletonisten einen Film Tod schreiben?”

  1. Trotz 500 Millionen Dollar-Kreditlinie: United Artists ist in der eigenen Starre gefangen « Medien-Monopoly Says:

    […] Seitdem Cruise und Wagner das Zepter übernommen haben, ist erst ein Film veröffentlicht worden: “Von Löwen und Lämmern” (2007). Die zweite Produktion “Valkyrie” (deutscher Titel “Walküre”) soll im Februar des nächsten Jahres erscheinen. (Zweimal wurde der Filmstart des Prestigeprojekts schon vorschoben.) […]

  2. Geplatzte Träume! Tom Cruise und Paula Wagner entfernen sich von United Artists « Medien-Monopoly Says:

    […] Die Idee des Neuanfangs der United Artists ist gescheitert. Bisher wurden nur für zwei Filme das Greenlight erteilt. „Von Löwen und Lämmern“ (2007) war eine kommerzielle Enttäuschung – auch wenn der Film langfristig kein Flop ist, wie viele es behaupten – und „Walküre“ (200 erhielt bisher vor allem negative Publicity. […]

  3. Wird “Walküre” schon früher in deutschen Kinos zu sehen sein? « Medien-Monopoly Says:

    […] spekulativ ist hingegen die Wahl von Bryan Singers Regiearbeit als Eröffnungsfilm der nächsten Berlinale. Das Wort “Sommerloch” benutzte Schulze […]

  4. Tom Cruise läuft nicht über den roten Berlinale-Teppich « Medien-Monopoly Says:

    […] Filmrezensenten und für das Schreiben hauptberuflich bezahlte Hobby-Historiker stümen in die Pressevorführungen, um die vorgerfertigten Meinungen bestätigt zu wissen. Seien es FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher oder “Welt”-Kollumnist Alan Posener. […]

  5. mandy warhol Says:

    eine interessante broschüre zur debatte um das filmprojekt valkyrie mit dem titel „fragwürdige tradtionslinien – stauffenberg und der 20. juli 1944 im deutschen erinnerungsdiskurs“ findet sich unter http://nevergoinghome.blogsport.de/images/FragwrdigeTraditionslinien.pdf

  6. Top oder Flop? Deutsche Filmrezensionen zu “Operation Walküre - Das Stauffenberg-Attentat” « Medien-Monopoly Says:

    […] startet in den Kinos. Lange schon beschäftigte der Tom Cruise-Film das deutschsprachige Feuilleton. Hier nun die online-verfügbaren Besprechungen zur United […]

  7. Ein Einführungskurs in die Kinowirtschaft, bitte! « Medien-Monopoly Says:

    […] Box-Office-Erfolg für Cruise, United Artists (UA) und Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). Doch nicht nur in Deutschland, auch in Cruise Heimat wurde am kommerziellen Erfolg gezweifelt. Gründe gab es […]

  8. Einen Einführungskurs in die Kinowirtschaft, bitte! « Medien-Monopoly Says:

    […] Box-Office-Erfolg für Cruise, United Artists (UA) und Metro-Goldwyn-Mayer (MGM). Doch nicht nur in Deutschland, auch in Cruise Heimat wurde am kommerziellen Erfolg gezweifelt. Gründe gab es […]

  9. Blog-Einnahmen Januar 2009 « Medien-Monopoly Says:

    […] Ich habe “Walküre” mit Tom Cruise noch nicht gesehen oder Warum deutsche Feuilletonisten einen … […]

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